Quelle: WBS Training

Es ist nach wie vor viel Bewegung im Markt der Bildung mit digitalen Medien. Manche der gezeigten Produkte und Dienstleistungen, die man auf den aktuellen E-Learning-Messen findet, kommen zunächst einmal neu und überraschend daher. Allerdings basieren viele von ihnen auf Ideen, die schon vor zehn oder zwanzig Jahren diskutiert wurden. Nur ist jetzt offenbar die Zeit reif, sie auf den Markt zu bringen, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Publikumsmagnet „VR-Experience“

In den 1990er Jahren äußerte der Internet-Visionär Jaron Lanier seine Ideen vom Lernen mit Virtual Reality – so könne man sich auch in eine Teekanne oder ein Klavier hineinversetzen und die Welt aus diesem Blickwinkel betrachten. Doch damals wogen die VR-Brillen noch mehrere Kilo und die beiden Brillenbildschirme wurden von zwei 486er-Rechnern bedient. Dementsprechend langsam bauten sich die dreidimensionalen Bilder auf. „Mäuse“, die man mit Käse anlocken sollte, wurden als gelbe Dreiecke dargestellt. Zum Lernen war dies noch keine gute Grundlage.

Seitdem hat sich die Technik rasant weiterentwickelt – Rechner und Grafikkarten sind schneller, die Brillen leichter und die virtuellen Welten deutlich komplexer geworden. Dies sind gute Voraussetzungen für den momentanen Erfolg von VR als Lernanwendung. Auf der Learntec gab es erstmals eine „VR-Area“, in der zahlreiche Unternehmen ihre VR-Lernanwendungen vorführten. Zusammengestellt wurde das Programm vom Spezialisten für „Immersive Learning“ Torsten Fell. Publikumsmagnet war sicherlich die Vorführung von Aldinger+Wolf, die für den Hersteller Stihl AG ein VR-Training zum Fällen von Bäumen entwickelt hat. Es geht in diesem motorischen Training darum, die Motorsäge im richtigen Winkel anzusetzen und den Baum weit genug durchzusägen. Eingeblendete Markierungen und Kommentare unterstützen den Lernenden dabei. Und hierfür muss kein echter Baum gefällt werden.

Das junge Unternehmen „Weltenmacher“ präsentiert ein Training für Dialyse-Patienten, die für die Dialyse zu Hause ein Gerät zusammensetzen müssen. Die VR-Anwendung gibt ihnen die Möglichkeit, allein oder mit Anleitung durch Betreuer in Ruhe das Gerät und die richtige Vorbereitung in Ruhe auszuprobieren. Sehr einfühlsam wenden sich die Weltenmacher damit auch an eine ältere Zielgruppe.

Nach über 25 Jahren ist damit aus der Idee eine Lerntechnologie geworden, die sich verbunden mit der passenden Didaktik für viele verschiedene Lernzwecke eignet.  

Lernassistenten, die zum Nachdenken anregen

Zum besten Startup der Learntec wurde übrigens das Unternehmen „AI Coaching“ aus Königswinter gekürt, das mit einer echten Innovation aufwarten kann: AI Coaching hat einen KI-basierten Lernassistenten realisiert. Im Dialog unterstützt dieser Chatbot die Lernenden nicht in Fachfragen, sondern hilft den Nutzerinnen und Nutzern mit reflexiven Fragen. Morgens stellt sich der oder die Lernende eine Aufgabe oder steckt sich ein Ziel. Am Abend fragt dann der Chatbot nach, ob denn das Ziel erreicht wurde. Ist dies nicht der Fall, hakt das System behutsam nach, woran es gelegen hat. Durch die Nachfragen kommen Lernende so auf neue Ideen und Lösungen.

Ganz neu ist diese Idee freilich nicht. Vom Prinzip her ähnelt das Vorgehen dem Programm „ELIZA“, das Joseph Weizenbaum schon in den 1960er-Jahren entwickelt hat. Doch während es Weizenbaum damals darum ging, die Möglichkeiten einer Konversation zwischen Mensch und Computer zu demonstrieren, ist der Chatbot von AI Coaching deutlich angewandter. Man kann gespannt sein, wie sich das reflexive Coaching mit KI-Unterstützung im Unternehmen bewähren wird.

Virtual Reality für Übungsfirmen

Übungsfirmen gibt es im „realen Leben“ schon länger: Weiterbildungsanbieter richten für ihre Teilnehmenden Räume ein, in denen Arbeitsabläufe trainiert werden. Einzelhandelsketten stellen ihren Auszubildenden schon mal eine Ladenfiliale zur Verfügung, die sie unter Realbedingungen führen müssen. Auch in der Digitalen Welt sind Übungsfirmen bereits erprobt worden. So gibt es seit einiger Zeit den „Virtuellen Supermarkt“, in dem Azubis durch die Gänge mit den Warenregalen gehen und u.a. Fragen der Kundinnen und Kunden beantworten. Doch hier fehlt das Gefühl einer echten Arbeitsumgebung und so sind der Erwerb von Kompetenzen und das Training unter realistischen Arbeitsbedingungen kaum möglich.

Dies ermöglicht hingegen eine Virtuelle Übungsfirma des Weiterbildungsanbieters WBS Training durch Virtual Reality. Das Unternehmen setzt in seinen Umschulungsmaßnahmen für Lernende eine solche Trainingsumgebung ein. Für Teilnehmende, die beispielsweise die Grundlagen der Buchhaltung erlernt haben, wird so der „Ernstfall“ simuliert. Man betritt die Firma über einen Eingang und ein Treppenhaus. Am eigenen Schreibtisch bekommt man dann einen Stapel mit Fällen präsentiert, die bearbeitet werden müssen. So kann man nun sein Wissen anwenden – und der Praxisschock ist nicht mehr so groß, wenn man zum ersten Mal in einem realen Unternehmen arbeitet. Dabei ist es gar nicht nötig, dass Kursteilnehmende eine VR-Brille tragen. In diesem Fall reicht das „Desktop-VR“ bereits aus, um eine authentische Arbeitssituation zu schaffen.

Auch Desktop-VR gab es bereits in den 1990er Jahren, allerdings damals noch in einer wesentlich schlechteren Auflösung. Die heutigen technischen Entwicklungen mit breitbandigen Internetverbindungen und Avataren machen es erst möglich,  eine solche Trainingsumgebung darzustellen und dort beispielsweise Kommunikationskompetenzen zu vermitteln. Vieles, was früher in der Darstellung arg abstrahiert werden musste ist heute dank besserer Rechnerleistung gut darstellbar. Und durch breitbandige Internetverbindungen können Teilnehmende im dreidimensionalen Raum auch auf größere Entfernung miteinander interagieren.

Effektiver lernen mit Lernkartensystemen

Einige E-Learning-Produzenten haben mit sogenannten Lernkartensystemen eine ältere Lernidee aufgegriffen. In analoger Form gibt es Lernkarten schon seit vielen Jahren, u.a. zum Vokabellernen. Schon früh entstanden für den Fremdsprachenerwerb auch digitale Varianten wie „Phase 6“: Vokabeln, die man gut beherrscht, werden nur noch selten abgefragt, nicht gewusste Wörter deutlich häufiger. Inzwischen hat sich das Themenspektrum für Lernkartensysteme deutlich erweitert, zum Beispiel für die Fachgebiete „Sanitär – Heizung – Klima“ und „Wirtschafts- und Sozialkunde“. Die Firma DEKRA Media aus Mönchengladbach hat unter dem Titel „Memorate“ für die Zielgruppe der Auszubildenden einen umfangreichen Kartensatz für diese Themen erstellt, bei denen auch die Ausbildungsverantwortlichen über den Lernstand informiert werden können. Entstanden ist dieses Konzept aus dem BMBF-Förderprojekt „blink“.

M.I.T e-solutions bietet ein vergleichbares System mit digitalen Karten an. Zielgruppe sind hier Finanzdienstleister. Die Informationskarten mit kleinen „Learning-Nuggets“ beschäftigen sich u.a. mit dem Thema „Geldwäsche“ an. Auf einer Karte erfahren Sie beispielsweise, woher der Begriff „Geldwäsche“ stammt. Antwort:  Chicago-Gangsterboss Al Capone steckte sein illegal erworbenes Geld in Wäschereien und sagte von sich, er wäre in der Wäschereibranche tätig.

Qualitativ hochwertige interaktive Videos

Auch interaktive Lernvideos in Fernseh- oder Kinoqualität gab es schon früher. Im Jahr 1999 hat die Deutsche Bahn beispielsweise ein Training für Zugbegleiter zur Deeskalation von gefährlichen Situationen bedingt durch Fahrgäste entwickelt. In diesem videobasierten Training mimten Schauspieler in einem Waggon eine Hooligan-Truppe in einer ziemlich aggressiven Stimmung. Je nach Reaktion des Lernenden in der Rolle des Schaffners eskalierte die Situation oder kühlte sich ab. Viele Film-Varianten mussten hierfür gedreht werden. Das Training war zwar erfolgreich, doch die Produktionskosten waren aufgrund der vielen Varianten und der hohen Video-Qualität sehr hoch. Mit solchen Video-Verhaltenstrainings „in Serie“ zu gehen, hätte jedes Bildungsbudget gesprengt.

Deshalb wurden später für Lernvideos eher einfachere Formen gewählt, z.B. Videomitschnitte von Vorträgen, Amateur-Erklärvideos mit Smartphones als Kamera oder mit Animationen und Tricktechnik („Simpleshow“).

Inzwischen sind viele Voraussetzungen gegeben, die das Drehen anspruchsvoller Erklärvideos für die Produzenten erschwinglich macht. Mit einer Spiegelreflexkamera lassen sich mittlerweile Filme in Studioqualität drehen. Kostengünstige Festplatten ersetzen die alten Videobänder. Auf der Learntec bieten Unternehmen wie Masterplan oder Lecturio bieten inzwischen größere Bibliotheken von Lernvideos an. Diese werden im Falle von Masterplan den Lernenden auf einer Benutzeroberfläche präsentiert, die eher dem Angebot von „Netflix“ ähnelt und nicht einem Lernmanagementsystem. Die Filme haben eine gute Tonqualität und sind dramaturgisch wie didaktisch durchdacht. Man merkt, dass hierfür professionelle Journalisten, Kameraleute und Mediengestalter engagiert werden.

Fazit: Tatsächlich beschleunigen technische Innovationen in der Lernwelt gute didaktische Ideen, die sich mit früheren Mitteln noch nicht realisieren ließen. Es lohnt sich also, auch vermeintlich gescheiterte Lernprojekte immer wieder einmal auf ihre Umsetzung mit den heutigen Lerntechnologien zu überprüfen.

Von: Dr. Lutz Goertz