Worum ging es im letzten Beitrag, den Sie zu einem Digitalisierungs-Thema gelesen haben? Behandelte er vielleicht die ethischen Aspekte des Einsatzes von KI beim Recruiting neuer Mitarbeiter oder den Stand der Digitalisierung in öffentlichen Schulen in Deutschland? Ohne Frage, die Digitalisierung wirft eine Vielzahl an Fragen auf, die diskussionswürdig sind. Doch der öffentliche Diskurs zu Digitalisierungs-Themen wird bislang nicht gerade von Forderungen nach der Teilhabe älterer Menschen an einer digitalisierten Welt bestimmt. Ein Thema das unserer Ansicht nach bislang zu kurz kommt.

Etwas anders war dies zu Beginn der Coronapandemie. Hier standen Senioren- und Pflegeheime besonders in den Schlagzeilen. Die hohe Infektionsgefahr und die lebensbedrohliche Situation gerade für ältere Menschen führten dazu, dass harte Kontaktbeschränkungen eingeführt wurden. Hätte hier eine stärkere Digitalisierung der Heime die Situation entschärft? Könnte auch über Corona hinaus ein Ausbau der digitalen Infrastruktur in Pflege- und Seniorenheimen den Alltag – und damit die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe – in der Gruppe „70+“ verbessern?

Digitale Technologien bieten älteren Menschen in Seniorenheimen die Möglichkeit, selbstbestimmter zu leben: Sie können ortsunabhängig kommunizieren und mehr gemäß ihrer eigenen Bedürfnisse und Interessen leben. Auf Seiten des Personals wird an einigen Stellen für Entlastung gesorgt und es bleibt mehr Zeit für pflegerische Tätigkeiten.

Dieser Blogbeitrag beschreibt für die Anwendungsfelder Pflege, Kommunikation und Unterhaltung, welches Potenzial in der Digitalisierung von Seniorenheimen steckt.

Digitale Anwendungen unterstützen die Pflege und Betreuung

Digitale Elemente können in der Pflege in vier Einsatzfeldern zum Tragen kommen (vgl. Rösler et al 2018):

  • Software für Administration
  • Technische Assistenzsysteme
  • Telecare
  • Robotik

Der Einsatz von (interoperabler) Software für die Verwaltung und Organisation bedeutet insbesondere für das Personal in Pflege- und Seniorenheimen das Potenzial für echte Entlastung. Deshalb wurde z. B. im Zuge des Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes (PpSG) ein einmaliger Zuschuss für digitale Anwendungen bereitgestellt, die die Entlastung von Pflegekräften fördern (s. § 8 Abs. 8 SGB XI).

Die weiteren drei Einsatzfelder (2–4) haben direkte Auswirkungen auf die Selbstständigkeit und Freiheit der Bewohner_innen und bieten so das Potenzial, die Lebensqualität der Menschen signifikant zu steigern.

So können technische Assistenzsysteme pflegebedürften Personen Hilfe im Falle eines Sturzes rufen, bei der Körperhygiene helfen, aber auch demente Personen per GPS orten. Durch diese Unterstützung haben ältere Menschen die Chance, länger mobil und selbstbestimmt zu agieren und in einem Notfall trotzdem nicht hilflos zu sein. Bekannte Beispiele sind Notfallknöpfe oder druckempfindliche Fußmatten. Auch bei der Mobilisierung sind digitale Assistenzen im Einsatz: Videos, Spielekonsolen und Gamificationansätze schaffen neue Methoden und geben Bewohner_innen so die Chance, sich unabhängig von Ergo-, Physio- und Bewegungstherapeut_innen zu mobilisieren. Künstliche Intelligenz bietet das Potenzial hierbei noch Feedback zu geben, Fehlhaltungen zu korrigieren und den Schweregrad von Übungen anzupassen.

„Telecare/-pflege“ beschreibt die digitale Beratung und Untersuchung von Patient_innen. Viele ältere Menschen empfinden Arzt- und Therapeutenbesuche als sehr kräftezehrend und unangenehm aufregend. Dies führt im schlimmsten Fall dazu, dass Krankheiten gar nicht behandelt werden. Telecare bietet Bewohner_innen die Möglichkeit, sich in ihrer gewohnten Umgebung von Spezialist_innen beraten zu lassen. Dies ist besonders bei seltenen Krankheiten sowie bei ängstlichen oder bewegungseingeschränkten Bewohner_innen ein großer Vorteil. Auch können ältere Menschen die Therapeut_innen und Ärzt_innen bereits vor einem Krankenhausbesuch kennenlernen, was Ängste und Befürchtungen nimmt. Außerdem sind Beratungen oder Therapien zu psychischen Problemen über Telecare möglich, die zur Lebensqualitätssteigerung von pflegebedürftigen Personen beitragen können – insbesondere im Fall von Trauer und Verlusten.

Der Einsatz von Robotik in der Pflege wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Viele Personen befürchten, dass hierdurch menschliche Begegnungen noch weiter reduziert werden könnten. Studien zeigen jedoch, dass viele ältere Menschen, gerade mit Demenz, sehr positiv auf den Einsatz von sozialen Robotern reagieren. So weisen Studien (z. B. Baisch et al. 2017; Wada et al. 2008; Birks et al. 2016) darauf hin, dass der ergänzende Einsatz von der Robbe Paro viele demenzkranke Menschen beruhigt, Ängste reduziert und die Personen aktiviert. Auch der Roboter Pepper hilft entsprechend einiger Studien (z. B. Sato et al. 2019) dabei, Abwechslung und neue Anregungen in den Alltag von Heimbewohner_innen zu bringen. Hierbei beziehen sich diese Forschungsergebnisse explizit auf Robotik, die die Bewohner_innen betreut, also unterhält und sozial begleitet, aber nicht im eigentlichen Sinne pflegt.

Kommunikation: Schlüssel zu sozialer Teilhabe auch im digitalen Raum

Der Enkel lebt in den USA, ein Virus sorgt für eingeschränkten Besuchsbetrieb, die Ampelphase über die neue Umgehungsstraße vor dem Seniorenheim ist zu kurz für bewegungseingeschränkte Personen: Situationen, in denen digitale Kommunikation für Bewohner_innen in Seniorenheimen hilfreich sein kann, gibt es viele. Sie bietet die Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben, neue Informationen zu bekommen oder die eigenen Interessen nach außen zu kommunizieren. Digitale Kommunikation ergänzend zur Face-to-Face-Kommunikation ermöglicht zu pflegenden Personen, Kontakte aufrechtzuerhalten, weiter am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und dieses aktiv mit zu prägen. Denn wenn im Alter das Netz sozialer Kontakte kleiner wird, wird deren Pflege umso wichtiger. Dies beugt sozialer Isolation und ihren (gesundheitlichen) Folgen vor.

Doch gerade die oben genannten Situationen verdeutlichen auch, wie relevant der Erwerb von Medienkompetenzen für ältere Menschen geworden ist. Denn sie sind die Voraussetzung, um digitale Kommunikation selbst in die Hand nehmen zu können und beispielweise ein Videokonferenztool zu bedienen. Bei der Vermittlung dieser Medienkompetenz kommen oft Familienangehörige oder Pfleger_innen ins Spiel, die z. B. bei Videotelefonaten unterstützen können.

Darüber hinaus gibt es einige Angebote speziell für die Zielgruppe älterer Menschen, die Medienkompetenz entwickeln und vertiefen. Beispielsweise bietet das Beratungsangebot „Digitaler Engel“ online und vor Ort Unterstützung. Dessen Projektteam reist mit einem Infomobil durch die Republik und berät in ländlichen Regionen ältere Menschen zu Themen, wie „Kontakte finden, pflegen und erweitern“ oder „Online einkaufen und verkaufen“. Zusätzlich sind einige Erklärvideos entstanden, die Tipps zu Smartphone-Einstellungen oder Sozialen Netzwerken liefern.

Freizeitgestaltung geht auch online

Pflege- und Seniorenheime sind oft relativ isolierte Orte. Die Gründe hierfür sind beispielsweise die fehlende Mobilität der Bewohner_innen, aber auch die geografische Lage von Seniorenheimen. Digitale Technologien bieten das Potenzial, diese Isolation aufzuheben. So können bettlägerige Personen nun über den Fernseher am Quizabend teilnehmen oder Rätsel lösen, ein_e kognitiv fitte Bewohner_in kann einen VHS-Kurs online besuchen und neue Bücher können mittels digitalem Büchereiausweis als E-Book gelesen werden. Menschen mit Migrationshintergrund oder Sprachinteresse sind in der Lage, Fernsehprogramme in einer anderen Sprache via Internet zu schauen. Und über Dienste wie „BringLiesel“ kann online eingekauft werden.

Die Grundvoraussetzung hierfür ist eine vorhandene digitale Infrastruktur. In den Zimmern muss WLAN verfügbar sein und die Bewohner_innen benötigen nutzerfreundliche Endgeräte. Außerdem sind entsprechende Medienkompetenzen der Anwender_innen notwendig, um auf das große Angebot an Unterhaltung zugreifen zu können.

Fazit

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Digitalisierung von Pflege- und Seniorenheimen eine notwendige gesellschaftliche Aufgabe ist, um digitaler Spaltung vorzubeugen und Teilhabe zu ermöglichen. Aktuell ist der Status quo der Digitalisierung in den Bereichen Pflege und Betreuung noch deutlich niedriger als bei der Verwaltung und der Organisation der Pflegeeinrichtungen (Braeseke et al. 2020). Anwendungssituationen, die enorme Potenziale bieten, wurden oben aufgeführt.

Die zentrale Aufgabe in den kommenden Jahren wird der Aufbau einer Medienkompetenz von älteren Menschen sein. Dieser Aufbau beginnt im Idealfall deutlich vor dem Eintritt in Senioren- und Pflegeheime. Damit die Einrichtungen zum Ort der digitalen Bildung für Senioren werden, ist auch die Schulung von Personal mitzudenken. So können Pflegekräfte hierbei bestmöglich unterstützen. Die Basis für all diese Anwendungen ist und bleibt jedoch das Anschaffen und Bereitstellen von digitaler Infrastruktur.

 

Von: Katja Buntins und Monica Hochbauer