Wie haben EdTechs die Bildung verändert?

Die Digitalisierung der Bildung hat dazu geführt, dass non-formales und vor allem informelles Lernen stark zugenommen haben. Schon letztes Jahr berichtete das Magazin Forbes, dass ein Großteil der Amerikanerinnen und Amerikaner ein Praktikum bei Google bei der Jobsuche für relevanter erachten als einen Harvard-Abschluss. Ich bin zwar skeptisch, ob das auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich so wahrgenommen wird, aber es zeigt eines in aller Deutlichkeit: Die Bedeutung formaler Abschlüsse sinkt. Google zum Beispiel beschäftigt inzwischen mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ohne Berufs- oder Hochschulabschluss als mit.

Was tritt an die Stelle der formalen Abschlüsse?

Kompetenzen und spezifische Fähigkeiten, die bestenfalls z.B. über Micro-Degrees oder Open Badges nachgewiesen werden. Dass dieser Bereich immer wichtiger wird, lässt sich auch anhand von Investitionen nachvollziehen: Ein Großteil der weltweiten privaten Kapitalinvestitionen im Bildungsbereich ging in den vergangenen Jahren in Angebote, die klassische Bildungsinstitutionen
tendenziell ersetzen und stattdessen direkt die individuell Lernenden adressieren, d.h. in Apps oder Bildungsplattformen, die eigenständiges, autonomes Lernen jenseits von Institutionen und traditionellen Lehr- und Lernsettings ermöglichen.

Ist die Digitalisierung eine Gefahr für klassische Bildungseinrichtungen?

Ich glaube nicht, dass die Digitalisierung eine Wüste im Bildungsbereich hinterlässt. Es wird immer eine Nachfrage geben für Lernangebote vor Ort mit echten Dozentinnen und Dozenten, für bestimmte Zielgruppen oder als Premium-Learning-Angebot. Die Digitalisierung ist nicht das Heil für alle! Zugleich möchte ich dafür plädieren, bei der Bildung mit digitalen Tools offener zu sein. Welche Tools gibt es, die ich als Lehrender oder als Einrichtung gut in meine Angebote integrieren kann? Was können wir vielleicht sogar selbst oder in Kooperation entwickeln? Hierzu braucht es nicht immer Millionenbeträge, sondern den Mut, einfach mal was auszuprobieren.

Und welche sind die nächsten Entwicklungsschritte in der Bildung mit digitalen Hilfsmitteln?

Zum einen denke ich, dass wir vor der nächsten Professionalisierungsphase in der digitalen Bildung stehen, was die technische Realisierung von Angeboten angeht. Schauen Sie sich das Angebot von MasterClass an, wo Hollywoodstars, berühmte Wissenschaftlerinnen, Köche oder Musikerinnen ihr Fachwissen in extrem gut und aufwändig produzierten Video-Tutorials teilen. Zum anderen ist das ganz sicher die Integration Künstlicher Intelligenz. Beim Lehren und Lernen gibt es schon eine ganze Reihe an Lösungen, wo Lernende und Lehrende mithilfe von Künstlicher Intelligenz unterstützt werden, z.B. indem Leistungsdaten der Lernenden dokumentiert und statistisch ausgewertet werden, um ihnen dann personalisierte Lern- und Übungsaufgaben bereitzustellen. Sprachverstehende Assistenz-Systeme ermöglichen menschenähnliche Kommunikation und Interaktion und agieren vermehrt als virtuelle Hilfslehrer oder Tutoren. Diese Systeme entlasten Lehrkräfte beim Prüfen, Testen und Benoten, aber auch – mithilfe von Predictive Analytics, also dem Voraussagen von Leistungen – bei Beratung und pädagogischer Intervention. Nicht zuletzt bietet KI neue Potenziale für das Management von Bildungseinrichtungen durch Educational Data Mining, also die umfassende Evaluation und Analyse des Geschehens in Kursen und Institutionen.

 

Von: Dr. Ulrich Schmid